Engpass im Welthandel: Huthis, Hormus und die Tanker-Routen
Was die Ölmärkte angeht, gelten die Huthis übrigens als besonders relevant, weil sie bereits in der Vergangenheit den Schiffsverkehr im Roten Meer massiv gestört haben. Solche Störungen zwingen Tanker und Frachtschiffe zu längeren Umwegen, erhöhen Fracht- und Versicherungskosten und verschärfen damit die Risiken entlang der globalen Energie-Lieferketten.
Backwardation, Reserven und ein Markt im Stressmodus
Die geopolitischen Risiken wurden zusätzlich dadurch verschärft, dass die USA weitere 3.500 Soldaten in die Region verlegt haben. Gleichzeitig sorgte Trump mit neuen, bewusst aggressiv formulierten Aussagen für zusätzliche Nervosität, indem er erklärte, er wolle „das Öl im Iran nehmen“ und notfalls auch den wichtigen Exportknotenpunkt Kharg Island ins Visier nehmen. Solche Aussagen sind für den Markt nicht nur politische Rhetorik, sondern werden unmittelbar als Risiko für weitere Angebotsausfälle, Exportunterbrechungen und mögliche militärische Gegenreaktionen eingepreist. Gleichzeitig gibt es bislang kaum Anzeichen für bevorstehende ernsthafte Friedensgespräche (kein Wunder, wenn man nicht weiß, mit wem man überhaupt reden soll), was den geopolitischen Risikopuffer an den Rohstoffmärkten hoch hält.
Dass die Sorgen aber nicht nur spekulativer Natur sind, zeigt sich inzwischen sehr deutlich auch an der physischen Marktstruktur. Die Brent-Terminkurve befindet sich in einer ausgeprägten Backwardation, was bedeutet, dass kurzfristig lieferbares Öl mit einem deutlichen Aufpreis gehandelt wird. Der Frontmonat notierte zuletzt mit einem Aufschlag von mehr als 7 US$ pro Barrel gegenüber späteren Kontrakten, während die Kurvenstruktur vor Ausbruch des Konflikts noch weitgehend flach war. Solche Marktstrukturen deuten fast immer auf akute Knappheiten im unmittelbaren physischen Markt hin und zeigen, dass Händler und Raffinerien kurzfristige Versorgung höher bewerten als längerfristige Kontrakte.
Zwar beginnen inzwischen erste Notfall-Freigaben aus strategischen Ölreserven in den Markt zu fließen, doch im Verhältnis zur Größe der Störung sind diese bislang eher ein Tropfen auf den heißen Stein – auch wie erwartet. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat im März die bislang größte koordinierte Freigabe ihrer Geschichte beschlossen: Insgesamt summiert sich der koordinierte IEA-Beitrag aktuell auf rund 426 Millionen Barrel, wenn öffentliche und verpflichtende Industriestocks sowie kleinere Produktionssteigerungen zusammengerechnet werden. Das ist zweifellos bedeutend, doch angesichts der massiven Störung der Lieferströme durch die Straße von Hormus reicht es nicht aus, um das Marktproblem vollständig zu neutralisieren.
Vom Ölpreisschock zum Energie- und Logistikschock
Denn der Kern des Problems liegt nicht nur in den absoluten Lagerbeständen, sondern vor allem im gestörten Transit. Vor dem Konflikt liefen täglich rund 20 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte durch die Straße von Hormus, also etwa ein Fünftel des globalen Ölverbrauchs beziehungsweise ein Viertel des seeseitigen Ölhandels. Diese Ströme sind inzwischen, nun auch laut IEA, nahezu versiegt. Die Folge ist nicht nur ein Anstieg der Rohölpreise, sondern auch eine zunehmende Anspannung bei Diesel, Kerosin, LPG und anderen verarbeiteten Produkten. Insofern erleben wir derzeit nicht nur einen „Ölpreisschock“, sondern einen breiteren Energie- und Logistikschock, der sich durch mehrere Wertschöpfungsketten gleichzeitig zieht.
Auch die Positionierungsdaten an den Terminmärkten zeigen, dass die Nervosität hoch bleibt, selbst wenn es zuletzt vereinzelt Gewinnmitnahmen gab. Spekulative Marktteilnehmer haben ihre Netto-Long-Positionen in ICE Brent zuletzt zwar reduziert, allerdings bleibt die allgemeine Risikopositionierung im Ölmarkt weiterhin erhöht. Das deutet darauf hin, dass viele Marktakteure trotz der bereits stark gestiegenen Preise weiterhin davon ausgehen, dass geopolitische Unsicherheit und Angebotsrisiken das Preisniveau stützen oder sogar weiter nach oben treiben könnten. Mit anderen Worten: Der Markt ist zwar überhitzt, aber er ist noch nicht davon überzeugt, dass die eigentliche Stressphase bereits hinter ihm liegt. Öl bleibt hoch – meine Rede, schon von Beginn dieses sinnlosen Krieges an.
Gas, LNG und Europas verwundbare Energiearchitektur
Uns in Europa trifft aber nicht nur das Öl, sondern auch europäisches Erdgas reagiert extrem empfindlich auf die Eskalation, da sich die Verfügbarkeit von LNG vor Beginn der sommerlichen Speicherauffüllsaison verschlechtern könnte. Für Europa ist das besonders heikel, weil die Sommermonate traditionell genutzt werden, um die Gasspeicher für den kommenden Winter zu füllen. Jede länger anhaltende Störung im LNG-Markt verlangsamt diese Einspeicherung und erhöht gleichzeitig den Wettbewerb um frei verfügbare Spotladungen. Das Problem wird dadurch verschärft, dass die globale LNG-Flexibilität ohnehin begrenzt ist und zusätzliche Ausfälle – etwa durch einen wochenlangen Stillstand einer großen australischen LNG-Anlage infolge von Sturmschäden – das Angebot weiter verengen. Damit wird Europa erneut deutlich vor Augen geführt, wie stark es trotz aller Diversifizierung weiterhin von externen Energieschocks abhängig bleibt.
Aluminium, Agrarrohstoffe und „Bio-Trump“: Weitere Profiteure des Konflikts
Und auch an den Metallmärkten macht sich die Eskalation inzwischen spürbar bemerkbar. Besonders deutlich zeigt sich das bei Aluminium (ich hatte hier schon in Woche 2 berichtet, dass es Alu auch treffen würde), dessen Preis weiter nach oben springt. Hintergrund sind neue Angriffe, die zwei große regionale Produzenten getroffen haben. Emirates Global Aluminium (EGA) meldete erhebliche Schäden, während Aluminium Bahrain (Alba) noch prüft, wie stark die eigenen Produktionsabläufe beeinträchtigt wurden. EGA ist nicht nur der größte Aluminiumhersteller der UAE, sondern auch global einer der wichtigsten Produzenten. Entsprechend sensibel reagiert der Markt auf jede potenzielle Störung.
Die jüngsten Vorfälle treffen auf einen Markt, der ohnehin bereits angespannt war. Frühere Produktionskürzungen bei Alba und Qatalum hatten bereits etwa 560.000 Tonnen jährliche Kapazität beeinträchtigt. Damit stehen inzwischen rund 8–9 % der regionalen Produktionskapazität unter Risiko. Da der Nahe Osten für ungefähr 9 % der weltweiten Aluminiumproduktion steht, wären länger anhaltende Ausfälle mehr als nur ein lokales Problem. Hinzu kommt, dass die Region bei Rohstoffen und Vorprodukten nur begrenzte Lagerbestände hält und stark auf störungsfreie Transporte durch die Straße von Hormus angewiesen ist. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass selbst temporäre Angriffe noch über Wochen oder Monate Nachwirkungen auf das physische Angebot haben könnten. Vor diesem Hintergrund bleibt der Ausblick für Aluminium aus Preissicht konstruktiv: Selbst wenn sich die politische Lage etwas beruhigen sollte, könnten Produktions- und Logistikschäden dafür sorgen, dass das Marktgleichgewicht länger angespannt bleibt.
Und noch eine Konsequenz, die Trump sicher nicht im Vorfeld bedacht hatte: Auch im Agrarsektor sorgt die geopolitische Lage inzwischen für politische Reaktionen. Ausgerechnet die Trump-Regierung hat die Biofuel-Blending-Mandate angehoben und verlangt von Raffinerien nun, in diesem Jahr 25,82 Milliarden Gallonen Biokraftstoffe in Benzin und Diesel beizumischen – knapp 8 % mehr als noch in der früheren Richtlinie vom Juni vorgesehen. Die Maßnahme ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen reflektiert sie die gestiegenen Benzinpreise infolge des Iran-Konflikts und den politischen Versuch, über höhere Beimischungsquoten einen Teil des Kostendrucks abzufedern. Zum anderen stärkt sie sowohl den Energiesektor als auch den Agrarsektor, da höhere Biofuel-Quoten die Nachfrage nach Mais, Soja und anderen Agrarrohstoffen unterstützen. Insgesamt dürfte die Maßnahme als Stütze für den ländlichen Wirtschaftsraum und als inflationspolitisches Instrument interpretiert werden. So schnell kann Trump plötzlich «Bio» sein. 😉
In Summe zeigt sich damit ein klares Bild: Die geopolitische Eskalation im Nahen Osten ist längst nicht mehr nur ein regionales Sicherheitsproblem, sondern hat sich zu einem breit angelegten Rohstoff- und Versorgungsschock entwickelt. Öl bleibt dabei der sichtbarste und unmittelbarste Kanal, doch die Auswirkungen reichen inzwischen tief in Gas-, Metall-, Düngemittel-, Logistik- und Agrarmärkte hinein. Besonders kritisch ist, dass viele der aktuell eingepreisten Risiken nicht allein auf unmittelbare Angebotsverluste zurückgehen, sondern auf die Möglichkeit, dass zentrale Handels- und Transitwege über längere Zeit gestört bleiben. Die geopolitischen Risikoprämien werden daher hoch bleiben – und in einzelnen Rohstoffsegmenten eher noch weiter steigen.
Im Rohstoff Anleger Club wissen wir das für uns zu nutzen, denn wir haben uns im Vorfeld strategisch klug positioniert. Was man von der US-Regierung nicht behaupten kann....